Die Reise -
von Berlin nach Bukarest


Abfahrt Ostersamstag ... trotz aller Bedenken angesichts des mit den Sub-Bass-Instrumenten vollgepackten Bus wirft kein Zoellner einen Blick. Ein freundliches Laecheln schleicht sich hin und wieder auf das ernsten Gesicht ueber der Uniform.

 

Das rhythmische Rattern der Autobahn, horizontaler Plattenbau ... Fuge um Fuge uebertraegt sich ins Innere, die Landschaft rauscht am Fenster vorbei, kaum aufzunehmen. Tschechien - nur ein kurzes Eintauchen in die mittelalterlichen Anlagen einer Kleinstadt, um die Nacht zu verbringen.

Einreise in die Slowakei am naechsten Morgen, ein verlassener Rasthof an der Grenzstation ... Idylle, Tristesse, Melancholie ... die ganz eigene Atmosphaere entlang der Grenzlinien.

Ungarn - unendlich scheint die flache gruene Ebene rechts und links. Wie ein Leuchtturm der alte Klosterberg bei Pannonhalma, grandioser Weitblick auf die durchquerte Landschaft.

 

Ohne Landeswaehrung, nur mit Mastercard ausgeruestet scheint die Welt nichts zu kosten, das Tanken bestimmt den Rhythmus der Reise, die unmittelbaren Beduerfnisse der Strecke zaehlen, die Zeit auf dem Weg von A nach B ist ganz dem Moment ergeben. Nicht relevant der Wochentag, das Datum, nichts ist zu bewaeltigen als das unmittelbar vor uns Liegende.

 

Die Gleichfoermigkeit der Autobahn findet nach 1250 km ihr Ende im ungarisch-rumaenischen Grenzgebiet. Unendliche Anreihungen von Trucks, stromernde Hunde, Radfahrer mit Leuchtweste, in der Ferne hin und wieder ein Fuhrwerk.

Endlich Haeuser und Menschen, die Daecher noch mit alten Ziegeln gedeckt, verwaschene Farben, klapprige Zaeune, in Ehren gealterte Doerfer.

 

Neue Bauten mogeln sich dazwischen in mutigen Farben, kontrastieren mit antiken Reklameschildern mit wunderschoenen unaussprechlichen Namen und einer Kette von Konsonanten. Riesige Schilder auf den Feldern entlang der Strasse schreien bildlich eindeutig ihre Botschaft, Einzug der Global Player - "Fremd ist der Fremde nur in der Fremde" - doch scheint mit den bekannten Produkten und Namen diese Fremde besetzt zu werden. Wird nicht wirklich bekannt, aber banalisiert.

 

Beginn der Suche nach dem Rumaenischen ... der Kultur, dem authentischen Dorf, den verwurzelten Menschen, der urspruenglichen Landschaft, nach den Eigenheiten. Einreise in ein unbekanntes Land, von dem wir wenig kennen ausser einigen Klischees, den blumigen Schilderungen unseres Reisefuehrers, den trockenen Fakten der Geschichte.

  

STADT CLUJ-NAPOCA


Auch hier  ist unser Bus eines der aeltesten Fahrzeuge. Die Modelle, die der Euro Abgasnorm nicht standhalten konnten, verpesten nun 1400 km weiter die Luft - wie unsinnig nationales Denken ist, wird spaetestens mit der globalen Klimakrise deutlich. Die Aestethik der Modellreihen Peugeot 405, Mercedes /8 und Kaefer erfreut dennoch das Auge. Dacia und Trabant haben hier noch ihren Platz, auch wenn die Neuwagen im Vormarsch sind - bankfinanziert zum grossen Teil, dennoch Symbol des Willens zur Teilnahme am grossen Wettrennen ...

 

Cluj-Napoca (ehemals auch Klausenburg) ist organisiert wie so viele der wachsenden Staedte, ein Ring von  riesigen Hallen der Supermaerkte und Autohaeusern im Aussenbezirk schliesst an Plattenbauten und Hochhaeuser an, die sich in die Ein- und Zweifamilienhausbebauung schieben, im Inneren der Altstadtkern. Zuviel Verkehr, zuwenig gruen. Hinterhoefe mit nostalgisch rostenden Oldtimern, wild wachsendem Gruen, aufgestapelten Sammelsurien ... Einblicke.

 

Die obligatorische Fussgaengerzone im Bau, Trendshops mit den Mode-Labeln neben Singer Naehmaschinen.

Leer stehende Geschaefte warten auf die Modernisierung, Zeichen der Verdraengung, des Wandels ... abenteuerliche BH-Groessen in den Schaufenstern lassen hoffen, dass der Trend der Magersucht noch nicht angekommen ist.

 

Die Fahrt ueber Land zum abgelegenen Dorf weckt Sehnsucht nach einer guten alten Zeit, die es nie gegeben haben mag und die dennoch sofort vor uns steht. Alles laesst sich vorstellen - die hilfsbereite Nachbarschaft, der gemuetliche Plausch ueber den Zaun, der tiefe Friede miteinander und im Innersten. Rimetea ist Balsam fuer die Seele, laesst ahnen und sehnen ...

und als sei all das noch nicht genug, biegt ein zweispaenniges Fuhrwerk um die Ecke, vollfuehrt Wendungen auf engsten Raum, die Schwierigkeitsgraden des Eiskunstlauf zu entsprechen scheinen. Freundliche, interessierte Gesichter laecheln auf uns hernieder. Ein Pferdeflug bestellt das Feld, ein alter Bauer erzaehlt uns eine Geschichte, die wir nicht im Ansatz verstehen - aber in seinen Augen koennen auch wir lesen.

 

TIMISOARA / TEMESWAR


Ueberlandfahrt von Cluj nach Timisoara ... Sonntagsruhe ueber den Doerfern, Maenner im Anzug mit Hut, Frauen mit Kopftuch auf dem Weg von oder zur Kirche. Orthodoxer Brauch scheint den Tag klar zu strukturieren, Mittagessen wartet schon. Spaeter am Nachmittag und etliche Kilometer weiter setzen sich wieder Stroeme in Bewegung,  Totensonntag, Ahnengespraeche auf dem Friedhof mit Picknickkorb im Familienkreis.

 

Temeswar - bezaubernd mediterrane Stadt im Grenzgebiet zu Ungarn, Sprachgewandtheit der Bewohner, die gekonnt wechseln zwischen ungarisch, rumaenisch, deutsch ... kosmopolitischer Ort. Im Laufe der langen Geschichte von unzaehligen Volksgruppen bewohnt und gepraegt: Ungarn, Tuerken, Serben, Oesterreicher, Rumaenen, Deutsche... Insbesondere die Oesterreicher gestalteten die Stadt nach ihren Vorstellungen, beseitigten alle Spuren der tuerkischen Herrschaft - noch heute wird Timisoara mit seinen klassizistischen und barocken Bauten „kleines Wien“ genannt.

Großzuegige Architektur, praechtige Plaetze, breite Boulevards - ergaenzt von sozialistischen Bauten.

 

Offensichtlich eine wohlhabende Stadt, auch heute liegt die Arbeitslosenquote angeblich unter einem Prozent - doch auch hier abgestuerzte Einzelschicksale, herumwandernde Straßenkinder. Alte Menschen bessern ihre Rente auf mit dem Verkauf selbstgebundener Blumenstraeuße, betreiben altertuemliche Popkornmaschinen oder stellen ganz einfach ihre Personenwaage in der Fußgaengerzone fuer einen Lei zur Verfuegung. Der „informelle Sektor“ des Ueberlebens nach einem Leben voller Arbeit ....

 

Auf dem Dorf 30 km und 45 Minuten weiter scheint die Zeit zu stehen - kein Anreiz der neuen Welt dringt hier herein, die Juengeren und die auswanderwilligen Banater Schwaben sind gegangen, geblieben die Alten. Archaisch mutet die Lebensweise an, am Dorfbrunnen versorgen sich die Bewohner und schleppen Wasserkanister nach Hause -  verlassen die staubige Dorfstrasse, nichts von der Romantik des transsilvanischen Dorfes in diesem orthogonal angelegtem Rasterdorf.

 

DIE FAHRT NACH BUKAREST ...


Gewarnt vor dem Hoellenverkehr und der Schlaglochversammlung starten wir ueber Nebenstrassen nach Bukarest ... gemuetliches Reisen mit 40 bis 60 km/h. Weite Landschaft, duenn besiedelt, Pausen an Rasthoefen mit den zu Lieblingsspeisen erwaehlten Gerichten Mamaliga und Papanasch - koestlich wie ihre Namen.

 

Auf den Europastrassen dann erhoeht sich mit der  Geschwindigkeit auch die Dichte der Trucks. Der Bandwurm der Fahrzeuge zieht sich endlos durch die Straßendoerfer, gebaut zu einer Zeit, in der diese Entwicklung nicht vorstellbar war. Kaum Platz am Fahrbahnrand zu gehen, die Tiere so dicht an der Strasse, dass die kleinen Dramen unvermeidbar sind. So braust der endlose Konvoi durch malerische Landschaften, Flusstaeler, entlang der Silhouette verschneiter Berggipfel, Hochplateaus .... die Lebensqualitaet der Doerfler einnebelnd mit Abgasen und platzforderndem Hupen.

 

Immer wieder ein Fuhrwerk, das sich zu behaupten wagt, Bauern fuehren ihre Kuh an der Kette ueber die zaunlose Weide, Pferde angebunden am Laternenpfahl, um den Randstreifen abzugrasen. Noch existieren die ungeheuren Gegensaetze der Lebensweisen. Ein Leben in diesen Doerfern scheint angesichts der Entwicklung unvorstellbar -  bleibt auch fuer Rumaenien nur die Flucht in die Stadt, mit allen bekannten Problemen?

 

Die Einfahrt nach Bukarest erweckt keine Visionen .... staubig, schmutziggrau, trostlos der Vorstadtguertel. Inmitten dieser Tristesse die großen Supermarktketten, deren Ausschilderung besser ist als die der Stadtteile. Hochhaus-Plattenbauten schließen sich an, Zeugen des damaligen Umsiedlungswahns. Das Verkehrschaos erlebt einen Hoehepunkt - fuer Bukarester schwer, sagen die Bukarester, fuer alle anderen unmoeglich ...

 

BUKAREST


In Bukarest ist Schluss mit der romantischen Folklore Siebenbürgener Sachsen und Banater Schwaben. Kein Make-up.  Die harten Fakten der Metropole zwischen Balkan und Europa, Armut und aufstrebendem Wohlstand, kleinsten Stadtoasen und verkehrsumtosten Straßenzügen.
Boulevards der Begehrlichkeiten, feine neue Läden mit Preisen, die sich dem Durchschnittsverdienst entziehen. Eine Jacke mit dem Preis einer Rente. Scharen alter Menschen, die zu Beginn des Frühlings schon die Heizkosten für den nächsten Winter erbetteln müssen und ihr tägliches Brot. Oft notdürftig kaschiert mit dem Angebot, ein Teelicht zu erstehen - wer Geld gibt, nimmt es meist nicht einmal mit, es wäre wie Mundraub.

Der Verkehr omnipräsent, spätestens ab Mittag mehr sich stauend als rollend, hupend Platz und Bewegung fordernd. Die parkenden Autos in Dreierreihen auf den Straßen und Gehsteigen, selbsternannte Parkplatzverwalter behalten einen nicht nachvollziehbaren Überblick. Etliche eingestaubte Modelle mit platten Reifen deuten auf die Resignation ihrer Besitzer - oder die Freude, endlich einen Parkplatz ergattert zu haben und ihn nun nie wieder aufgeben zu wollen.

Der kleine, überschaubare Teil der Altstadt, dem Abriss- und Grössenwahn Ceausescus entkommen. Gebäude voller Geschichte, aber menschenleer jedes dritte. Baufälliger Zustand, nach den Besichtigungen der Altstadtkerne von Cluj, Temeswar, Sibiu kommt die Ahnung, dass dem Auszug der alten Optiker, Zeitungskioske, Drogerien und entzückenden Ramschläden, der sympathischen Unmoderne die aufgeputzte Fassade westlicher Marken folgen wird.
Alles zum Wohle der Entwicklung, alles zum Wohle der Bewohner .... nur: wo sind die? Auch hier scheint eine riesige Verdrängung in Gange, fast überall der entschuldigende Satz: komm in ein paar Jahren wieder.
Verstehen wir das unter Entwicklung?

Bukarest ist keine charmante Stadt. Spannend vielleicht, entdeckungswürdig, widersprüchlich. Sie wirkt rauh, manchmal roh, das Tempo eher getrieben, selten gemächtlich. Hat ihre zarten Stellen, meist im Anklang an vergangene Zeiten - je weiter  zurückliegend, je weichgezeichneter erscheint ihr Bild.
Eine unglaublich komplexe Stadt. Betonarchitektur des funktionalen Sozialismus, Großzügigkeit des Bürgertums, bröckelnde Bauten, moderne Konsumpaläste. Das Neue nimmt unaufhaltsam Platz, das Alte versucht sich fast widerspenstig zu behaupten.


 





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